Gang des Erinnerns 2022

Auch in diesem Jahr fand am 9. November – dem Gedenktag der Novemberpogrome von 1938 – wieder der Gang des Erinnerns in Ahrensburg statt! Schüler:innen und Lehrkräfte der Ahrensburger Schulen, Vertreter:innen des Runden Tisches Ahrensburg, der Antifaschistischen Jugend Ahrensburg, ein Angehöriger der Familie Lehmann sowie Vertreter:innen der Ahrensburger Stadtverwaltung gedachten gemeinsam mit ca. 100 Teilnehmer:innen der Opfer des Nationalsozialismus und setzen ein Zeichen gegen heutigen Rassismus! Der RSK beteiligte sich in diesem Jahr mit einer Rede zu Sprache und Kontinuitäten am Gang des Erinnerns. Emmas ganze Rede könnt ihr hier im Beitrag lesen. Die Beiträge der anderen Redner:innen können auf der Seite des Gang des Erinnerns nachgelesen und angeschaut werden.

Wir möchten uns ganz herzlich für die Organisation durch den Runden Tisch und die vielen engagierten, kreativen und eindrücklichen Beiträge aller Beteiligten bedanken!!

#GangdesErinnerns #ahrensburg #keinvergebenkeinvergessen #niewiederkriegniewiederfaschismus

Rede am 09. November 2022 zum Gang des Erinnerns

Mit den Tränen in den Augen haben wir da gestanden und haben gespielt…

Wir sind hier versammelt, um laut zu sein, um wieder mal laut zu sein, weil Esther Bejarano nicht mehr laut sein kann. Um Laut zu sein für 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die durch das NS-Regimes ermordet worden sind, um laut zu sein, für diejenigen, die ihre Stimme durch rechten Terror verloren haben und für alle, die durch diesen mit dem Leben bedroht werden. 

Wir müssen uns doch nur mal umschauen. Rostock-Lichtenhagen, Oury Jalloh, Hanau, der Angriff auf die Synagoge in Halle und schließlich Malte, der auf dem CSD in Münster Zivilcourage zeigte, in dem er sich der Feindlichkeit von Rechts entgegenstellte und dadurch ermordet wurde – nur um hier einige zu nennen. 

Sie alle waren Menschen, die ihre Träume, ihre Hoffnungen hatten – und ja einfach leben wollten. 

Unsere verdammte Pflicht ist es diese Menschen zu schützen, uns mit ihnen zu solidarisieren und aktiv gegen diese Gewalt von Rechts vorzugehen. 

Erst recht, wenn es der Staat mit seinen Institutionen nicht schafft dieser Aufgabe nachzukommen. Wie soll es denn auch funktionieren, wenn die inneren Strukturen der Behörden rassistisch und diskriminierend agieren?! 

Wenn in Schulen krude Vergleiche gemacht werden, in Kreisen der Polizei Nazisymbole rumgereicht werden. Racial Profiling, das täglich stattfindet und das dazu führt, dass Menschen von Polizei genötigt und ihrer Würde beraubt werden. Das ist das Ergebnis einer gescheiterten Politik, die von sich behauptet die rechte aller zu wahren und zu beschützen. 

Rechte Gesinnung, wie es meist beschönigt wird, ist keine Randerscheinung. Aber wen wundert denn diese Verharmlosung noch, wenn eben die Menschen, die definieren, was Rechte Gewalt ist und was nicht, ebenfalls Rechts sind?! 

Allen einzelnen Menschen muss bewusst sein, dass mensch mehr tun muss als „nicht die Augen zu verschließen“. Allen einzelnen Menschen muss bewusst sein, dass Rechte Menschen spalten, hetzen und hassen – ja das können sie. Alle Täter:innen nutzen das gleiche Narrativ, daher ist es geradezu zynisch, wenn dabei von Einzelfällen gesprochen wird. 

Das zeigt doch wieder einmal die seit Jahren bestehende Dysfunktionalität von Politik und deren Institutionen! Als sei es auf eine absurde Art und Weise entschuldbar, dass Menschen bedroht, erniedrigt, ermordet werden. 

Oder nagt das schlechte Gewissen, vielleicht doch zu sehr, dass es verschlafen wurde eine antifaschistisch Politik zu betreiben? Dabei reicht es lange nicht mehr aus, bestürzt Beileid in Talk-Shows auszusprechen und Lippenbekenntnisse kundzutun. 

Doch ich muss mich immer wieder fragen, wie Behörden und Institutionen darüber hinwegschauen können. Hinwegschauen über angekündigte Gewalt, wie Politiker:innen der #FCKAfd diese immer und immer wieder polarisieren und durch Stigmatisierung von Menschen diese Gewalt auch noch befeuern. 

Währenddessen werden immer und immer wieder die gleichen Worte der Trauer bekundet: “Sowas darf nie wieder passieren”. Es ist schon richtig, dass sowas nie wieder passieren darf. Aber wie es passieren konnte, wie weit die Verstrickungen der rechten Netzwerke in den Ermittlungsbehörden, dem Verfassungsschutz reichen, da möchte niemand nachfragen. Aber es reichen nun mal einmalige Worte der Trauer nicht aus. Es reicht nicht mehr aus, auf die Werte der Verfassung hinzuweisen. Es reicht nicht aus, wenn die andere Seite rhetorisch polarisiert und die Freund:innen der Demokratie über die eigenen Füße der Bürokratie stolpern. 

Viel zu oft müssen wir uns dann auch noch von Rechten Politiker:innen, der #FCKAfd und in weiten Teilen der CDU,  von Journalist:innen aus den Springer-Medien und anderen Nazis anhören, wie schrecklich eine diskriminierungsfreie und antirassistische Sprache sei, weil schließlich sie die wahren Opfer “einer verlorenen gegangenen Kultur” seien. 

Ich bin nicht in der Lage das zu beurteilen, dennoch stelle ich mir immer wieder die Frage, wie sich Menschen wohl fühlen müssen, die Opfer von Rechter Gewalt geworden sind und sich dann anhören müssen wie darüber diskutiert wird.

Es sagt schon einiges über die Entwicklung der Debatten-Kultur aus, wenn Rechter Terror als Anlass genommen wird, um über die angebliche “Cancelling-Culture” zu protestieren, das dient doch augenscheinlich der Ablenkung – worauf Medien und Politik (um mal zu verallgemeinern) reinfallen. 

Es ist so sonderbar, dass solche Debatten überhaupt geführt werden müssen. 

Versteht mich nicht falsch, wir brauchen verschiedene Meinungen, wir brauchen verschiedene Ansichten und einen Austausch untereinander. Denn dadurch kann eine Sensibilisierung für eine Welt stattfinden, eine Welt in der alle ihre Berechtigung haben und ein Verständnis für Diversität in der Lebensgestaltung geschaffen wird. Aber Rechte spalten, sie binden die Spaltung bewusst in ihrer Sprache ein – denn sie richtet sich von Die gegen Uns. Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir Rechte überzeugen können – mit Argumenten schon gar nicht, denn sie sind immun dagegen. 

Es sollte somit allen klar sein, dass Rassismus, Antisemitismus, sogenannte Homophobie und andere -phobien keine Meinung sind und das darüber nicht diskutiert werden darf. Wir dürfen uns nicht auf ihr Niveau herablassen, sonst haben sie das erreicht, was sie wollen. Durch Scheindebatten, wie der “Cancelling-Culture” die Gesellschaft zu spalten. 

Sie denken sich bestimmt schon länger: “Was kann eine Weiße atheistische FLINTA* schon von Rassismus und Antisemitismus verstehen”. Damit haben Sie damit vollkommen Recht. 

Ich weiß nicht, wie es ist aufgrund des Glaubens rechte, institutionelle Diskriminierung bzw. Gewalt zu erleben. Ich schätze es jeden Tag wert, dass ich aufgrund der Merkmale keine Angst haben muss auf die Straße zu gehen. 

Aber ich weiß sehr wohl, wie es ist, aufgrund anderer intersektionaler Diskriminierungsformen beleidigt, bedroht, bespuckt und meiner Würde durch Polizei beraubt zu werden. 

Daher möchte ich allen Anwesenden hier, den Auftrag mit nach Hause geben, setzt euch mit eurer Sprache auseinander, geht in den Austausch. Sprechen Sie mit marginalisierten Menschen, was wünschen sie sich, was brauchen sie, um sich sicher zu fühlen. 

So können wir einen offenen Diskurs schaffen, dass die Menschen, die von Ausgrenzung und rassistischer und antisemitischer Gewalt betroffen sind zu Wort kommen. Öffnen wir doch unseren Blick auf die Vielfalt der Gesellschaft. Denn die hohe Verantwortung liegt darin diskriminierungsbedrohte -betroffene Gruppen vor der Gewalt von Rechts zu schützen.

Denn die Gewalt ist nicht auf einmal da. Die Spirale der Eskalation ist lang. Erst scheinen Begriffe wieder sagbar, Gedanken an bestimmte Taten wieder denkbar und dann werden Taten wieder machbar. Diese Spirale muss gestoppt werden. 

Wir müssen uns doch als Gesellschaft nichts vormachen. Dass wenn über Flucht und Tourismus in einem Satz gesprochen wird und oder vermenschlichte Bilder über Menschen pro- und reproduziert werden, dass da irgendwas falsch läuft und Auswirkung auf alle Teile der Gesellschaft hat. 

Wenn die Gesetze und Institutionen der Bundesrepublik nicht in der Lage oder gewillt sind, die Menschen ordentlich und mit den besten Kräften zu schützen, dann ist es unsere verdammte Pflicht, dass wir uns gegenseitig schützen, dass wir hinschauen und laut sind.

Lasst uns unbequem werden, lasst uns mehr machen als auf Twitter “FCKNZS” posten, lasst uns gegenhalten – denn wir sind stärker. 

Lasst uns die Zukunft antifaschistisch und feministisch queer gestalten und nicht die Fehler aus der Vergangenheit wiederholen. Das, das ist unsere verdammte Pflicht nochmal. 

Gleichzeitig dürfen wir das Gedenken an die Menschen nicht verlieren, an die Menschen, die durch das Nazi-Regime verfolgt und ermordet wurden. 

Wir müssen uns die Geschichten von Margot Friedländer oder Esther Bejarano und von vielen anderen Menschen anhören, damit wir nicht lernen zu Vergessen. Es ist unbequem, es ist anstrengend, aber ebenso notwendig. Erstrecht, wenn die Menschen nicht mehr reden können, lasst ihre Stimmen also nicht verstummen. 

Die größte Gefahr ist zu denken, dass sowas nie wieder passieren kann. Wenn wir es verschlafen, wachen wir eines morgens ganz ohne Stimme auf. 

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.”

Martin Niemöller

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